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Schwammkopf

Ich lag auf der großen, unbedeckten Matratze und sog das beruhigend nervöse Trommeln der Hand eines Sommergewitters in mich auf wie ein Schwamm, und fühlte mich schwer und schwerer dabei. Das Platschen der Finger, das Rascheln der Blätter, das Flüstern des Windes und das Peitschen der Regenböen wäscht einem den Mund und den Kopf aus, lässt die Gedanken ebenso schwammig werden, nur auf eine andere Art, wie man selber, wenn man daliegt und Sommergewittern zuhört. Die schönen Sonnenstrahlen der letzten Tage wurden nun ertränkt in einem grauen Wolkeneinheitsbrei, der sich von Horizont bis Fensterbank erstreckte und auch manchmal durch die Waben der alten Fenster zu dringen schien, während er jedes Licht aufsaugte wie eine umgekehrte Windel, die man um die inkontinenten Kontinente geschnallt hatte. An Tagen wie solchen und nicht diesen, wacht man um 12 Uhr mittags auf und denkt es sei 7 am Morgen, oder umgekehrt. Das ganze gottverdammte Zeitsystem ist vom Regen fortgespült worden, und die Gedanken dringen nicht durch die Decke, die statt über dem Bett zu liegen nun über der Welt gebreitet ist.

Und wenn man so daliegt und dem Regen zuhört und schwer wird, und noch schwerer, dass man kaum aufstehen kann, wie ein umgefallener solarbetriebener Roboter, ist das einzige was gut tut, und auch furchtbar schmerzt, diese drückende Illusion der Zeitlosigkeit, die einen gefangen hält. Diese Tage fühlen sich nicht an wie Tage, sondern wie ein schlechtes Abziehbild eines Kalenderkästchens, ein langsamer, zäher Zeitenteer, der sich an allem festsaugt, und sich auch dann nur schwer abschaben ließe, wenn man die Kraft hätte vom Bett aufzustehen, und kein Schwamm zu sein. An solchen Tagen wünscht man sich wirklich, man würde in einer Ananas wohnen, oder in einer Wohnung mit einem Bild eines Piraten vor einer Ananas, oder aber einfach nur, dass man auf dem Meeresgrund liegt, anstatt auf der Matratze eines Bettes, das man viel zu gut kennt, um immer noch so viel Zeit darin zuzubringen.

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Simmering

When we sat under stars on this terrace atop the streets,
the careless whispers and sighs of this old city seemed
to sink deeper into my skin, not as tan as I liked it to be.
I fled weeks ago in this strange country I’m in, tried to
forget my predicaments, tried to get rid of things unwanted
Tried to reinvent myself in another land, tried to begin again
and see myself with eyes anew, refreshed and unburdened.
I liked to sit in candle-lit nights and didn’t mind the borders
of my being, my body and my thoughts, tried to blossom up
in these streets unwandered, get unthought thoughts spoken,
and get unmet people known.
I drank in the air brushed over walls of this old house I lived in,
wanted to become one with the people I saw in the windows adjacent
let their laughs become mine, let their sorrows touch me,
let their pleasures reach the mind I long sought to shut off from this.
Setting my feet outside the door was a challenge,
every day I tried to live, at first, but slowly, surely I seemed to manage
to find strength in every step I took, to find myself reverberate
inside these new halls I wandered.
I was good at being alone, for all the time I can remember, but
felt lonely for even longer so. Tried to relate to people to
unhealthy lengths, tried to get to them in ways not mine,
and wanted to find my strengths in others, all the while I left behind
the things that made me me, although unwanted,
simmering in this shellshocked heart of mine.

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Who I am in summer nights

I was a moth in a lukewarm summer night
As I flew ever closer to the blinding light
Salvation, Salvation to false gods I prayed
Rotting at the core, striving forgiveness failed

I was a deer in a lukewarm summer night
As I stood stunned, frozen in the blinding light
Tried to shut myself off to lick old wounds
Crawled into safe shadows, where darkness loomed

I was a sparrow in a lukewarm summer night
I fell the hardest when I stood a fight
Tried to fly against winds thought strong
Tried to find redemption for habits wrong

I was a beetle in a lukewarm summer night
Thought my existence buzzed of life
Thought I had spare time plenty left
Later thought of missed nights as theft

I am me in a lukewarm summer night
Wanting to live fully, I really tried
Wanting to be present each moment, however slight
And missed the chance to just live my life

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Rede der Verzweifelten

Der Mann trat auf das Podest, von Menschen umringt, die Stimme zitternd, mehrmals erhebend, zuerst kläglich angestimmt, gegen den Wind. Mit einiger Mühe hob der Bucklige an, seine Worte schienen ihn zu stärken, und schon bald stand er ganz erhobenen Hauptes, wie auf den Schultern der Seinen getragen am Tor, zur Zeit von Morgen, das Jetzt stand davor. Zettel in Händen, zerknittert, geknautscht, bald trug seine Stimme noch jeden Laut, über die Köpfe Menge, die nun andächtig lauscht.

„Uns schien der Weltschmerz in den Schlaf zu lullen. Zu lange. Zwischen diesen lauten Schlagzeilen dieser Welt versucht man dann zurückzubrüllen, mit einer Verzweiflung, die aus der Ohnmacht entsteht. Man sieht sich dem Geschehen ausgeliefert, ohne das Gefühl zu haben, man hätte etwas bewegt. Man hat nur eine Meinung zu Ereignissen, ein Bauchgefühl zu dem Passierten, kann sich vielleicht auch artikulieren, würde man gefragt. Was man dann letztendlich macht? Das steht auf einem anderen Blatt.
Und jemand wie ich, der geht daran zu Grunde. Täglich legt man sich selbst den Finger in die Wunde, zwischen den Hautlappen der Ideale, deren Vorsätze man sich in den Frontalcortex tätowiert. Wenn man doch nur könnte, wäre längst schon alles anders. Hier und an jedem Ort, der dem zuwiderläuft, was man von der Welt erwartet.
Doch die scharfe Kante des Verstandes, der Schneid des Geistes wird abgenutzt, stumpf geschliffen von jeder Welle die anbrandet gegen die Küsten der Vernunft. Die einen immer wieder malträtiert und drangsaliert, bis man meint, man kriegt keine Luft.

Und doch darf man sich nicht zu Boden ringen lassen. Von all den Massen an schlechten Nachrichten, die auf unsere Netzhaut prasseln, von den Weinern, die einem diese vage Angst bestätigen wollen, man solle es nur nicht versuchen. Nicht probieren, nur keinen Kampf, sei er noch so aussichtslos verlieren, die Blamage wäre zu groß.
Die Versuchung einfach aufzugeben ist süß, zugegeben. Sie hat jeden von uns schon mehrmals gelockt, und auch bezwungen. Liegen zu bleiben ist jedoch keine Option, Aufgabe nicht vorgesehen, Verschnaufpausen schon. Man muss sich Verbündete suchen, Kampfgefährten die einem den Rücken stärken, geriete man ins Wanken. Beipflichtende Stimmen und helfende Hände, mahnende Worte um einen zu Weisen in Schranken, um einem zu Helfen auf rechte Bahnen und Pfade, gemeinsame Werte, um zu streiten, für eine gemeinsame Sache.

So leicht bekommt man uns nicht, sage ich euch, die verzweifelt sind manchmal, und Angst haben Schwäche zu zeigen. Wir sind mehr als einer und in unserer Einigkeit sind wir niemals alleine. Wir erheben die Stimmen und treten entgegen, denjenigen, die versuchen uns unsere Freiheit zu nehmen. Die Freiheit die zu lieben und diejenigen zu sein, die wir wollen. Die unseren Weg zum Fortschritt zu verhindern suchen, die für Rückschritt und Hierarchien stehen. Die andere einschränken und binden wollen, in alten Systemen!
Es ist genug, wir kleinen Leute lassen uns nicht länger knechten. Wir sollten streben, gegen die höheren Mächte, gegen die Bewahrer des Zustandes des Jetztes, gegen die Menschen die andere aus Profitgier verletzten. Der Reichtum, den ihr euch ergaunert habt und erschlichen, von hart arbeiteten Leuten Gehältern gestrichen, von Kindern in anderen Ländern abgeschröpft; damit ist Schluss. Ihr wisst es jetzt.

Hört den Ruf, die Verbündeten mit dem Herz am richtigen Fleck. Die Hoffnung ist unsterblich, sie stirbt nicht, auch nicht zuletzt. Die Zeit ist vorbei, in der man aufoktroyiert, und uns über unser Hab und Gut definiert, uns gegeneinander ausspielt und ausschlachten will. Die Masse erhebt sich und streitet für viel, für das, was ihr uns verwehrtet und für euch behielt. Genug ist genug, und zu viel ist zu viel!“

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Hymne

Ich trachte mir nach meinem Leben. Würde gern tarotmäßig den Tod erfahren und wiederauferstehen, wie ein Phönix aus der Asche. Ich möchte auf silbern umflossenen Pfaden wandeln und den Mond anbeten, wie die Vorfahren, die wir längst vergaßen. Möchte der Symphonie der Welt da draußen lauschen, von Baumkronen getragen sein, eine Krone aus Ästen tragen, den Wind in den Wipfeln reiten, im Sturm der durch die Wälder pflügt. Mein Haupt hoch erhoben will ich unter den Gestirnen laufen, jeder Anstrengung die Stirn bietend entgegengehen. Ich möchte die Bande pflegen, des Blutes und der Emotion, möchte mich in anderen wiedersehen können, schaute ich nur lang genug. Möchte mich nicht mehr verloren fühlen auf der Suche etwas zu finden, möchte meinen Verstand schärfen, statt ihn zu dämpfen und wieder Freude finden am Exzess. Ich möchte so viel Liebe finden in meinem Innern, dass es verschwendet wär, schenkte ich sie niemandem. Ich will die Welt verändern, und akzeptieren, dass ich wer anders bin, als ich gern wär. Trotzdem unaufhörlich strebend nach etwas besserem, jemand besseres zu sein. Unverurteilend, unumstößlich und bestimmt.
Ich will mit den Sternen singen, deren Lied in mir einst erklang. Möchte die Halme der Gräser fühlen, jede Furche in jedem Stamm, jede Faser jeden Blattes, das Salz aus der Meer Luft filtern, zwischen jeder Zehe Sand.
Ich will die Energie nicht an den Alltag verschwenden müssen, der die Menschen erstickt in Last und Zwang. Der den Geist der Leute klein hält, durch Verpflichtungen und Wachstumsdrang, wirtschaftlich gesehen. Der uns befiehlt immer mehr zu schlingen, was uns als synthetisches Glück in die Hände kam.
Möchte mein Herz verlieren und Lippen küssen, die meinen so entgegenstreben, sich so nach der Berührung der meinen sehnen, dass die Luft zwischendurch entflieht. Möchte ihren Herzschlag donnern hören, markerschütternd, herzzerreißend, unaufhörlich, immer wieder, bis die Sonnenstrahlen, blendend, gleißend durch der Blätter Lücken dringt. Möchte ihr jeden Tag beweisen, welche Schönheit doch das Leben bringt.

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Kongruenz und Konkurrenz

Früher als ich wach lag, wurde ich von den Sternen gerufen. Heute verbringe ich Stunden mit Suchen. Mit Ausschau halten nach einem vertrauten Blinken, einem Zwinkern zwischen den ewig diesigen Lichtern der Straßenlaternen.

Ich dachte, der Mond würde mich hören. An den Tagen über mir leuchten, die mein Leben beflügeln, sowie an denen, die meine Zeit hier erschwerten. Ich fühlte mich so geborgen, umhüllt von diesem weißen Schimmern, ließ liebend gern das Mondlicht über meine Züge flimmern, wenn ich auf dem Balkon der kleinen Vorstadt saß.

Ich weiß nicht, ob ich einfach zynischer wurde in der Zwischenzeit. Heute scheint das Mondlicht kalt. Ich verbringe kaum noch Zeit draußen, nachts. Wenn ich nicht schlafen kann, dann ist es etwas schlechtes. Kein Vergleich zu den heimlichen Stunden, in denen ich mit dem Gestirn alleine war. In denen ich meine Gedanken streifen ließ, und ich mich fühlte als sei dieser Körper nur eine Grenze, eine Bürde, die mich davon abhielt überall zugleich zu sein, alles zu erfahren und zu sehen. Wie verschwendet ich mir vorkam, gefangen in nur einem Leben.

Während ich heute nur versuche abzuwenden, dass alles auseinanderfällt. Das Bild, das ich von mir malte, meine Gedanken, das Selbst, das ich mein eigen nenne. Ich nannte das letzte auch früher eine Bürde, doch der Sinn hat sich gewandelt. Ich bin nicht mehr kongruent zu mir, verliere mich zwischen dem hier und dem jetzt, und wo ich vorher wünschte ich würde überall sein können, schaffe ich es nun kaum noch, überhaupt hier zu sein.

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Wellenlänge

Weil es manchmal Augenblicke im Gefüge gibt, die näher dran an allem scheinen. An dem, was wirklich und wichtig ist. An denen die Funken fliegen, zwischen dem du und ich. Und auch an der Leere, die die Weite zwischen den Teilen füllt. Die jedes einzelne davon umhüllt in ewiger Umarmung, der Resonanzraum, der unsere Welle der Existenz verstärkt. An dem Meer, in dem unsere Biotope schwimmen. Und an den Membran derselben, wenn sie aneinander stoßen. Dann gibt es Berührungspunkte. Stellen, an denen sich die Fasern nun verknoten und nur schwer lösen.

Manchmal hat man das Glück, eine Weile Seite an Seite zu treiben. Zwischen den Teilchen, in den Gezeiten der Zeiten. Woe kitschig diese Worte klingen. Und doch ist Kitsch manchmal der Kitt, der die dröge Welt zusammenhält. Der rote Faden ist eben rot, nicht gelb. An die Farbe muss man sich gewöhnen. Die Saite, von unserer Zeit, die wir verbringen blutrot eingefärbt, schwingt, vibriert, um von unserer Existenz zu künden. Unser Sein in das Meer hinauszutragen, und jemanden zu finden, der die selbe Frequenz besitzt wie wir.

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Nach oben sehen

„Ich habe früher viel öfter nach oben gesehen.“, sagte er unvermittelt. „Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich das Gefühl hatte, die Sterne würden mich leiten. Mich auf ihre Art begleiten, immer zugegen sein, wenn ich sie brauchte. Alles miterleben, was mir wiederfahren würde. Ich weiß nicht, wann ich das verloren habe.

Irgendwann war mein Kopf voll von irdischen Problemen. Von menschlichen. Nicht von denen, die die Menschheit an sich bewegen. Ich war beherrscht von meiner eigenen Kleingeistigkeit und bin es noch heute. Ich bin zu egozentrisch geworden in meiner Art zu sein. Hab verlernt, richtig hinzusehen, die wichtigen Dinge mitzunehmen, die das Leben mir bietet. Ich will weg davon, nur das zu sehen, was unmittelbar vor meinen Füßen liegt. Wie ich meinen eigenen Problemen Herr werden kann. Ich hab mich von der Welt abgewandt, ohne zu wissen warum.

Im Grunde ist jetzt nichts anders, als es früher war. Nur meine Position in dem Gefüge. Die Richtung, in der ich auf dem Schachbrett der Geschicke gehe, ist nicht mehr meine eigene. So kommt es mir vor. Das hat gereicht um mich aus der Umlaufbahn meines eigenen Selbst zu werfen.“

Er blickte hoch. Ruhig erst, die Verzweiflung kurz unter der Oberfläche brodelnd.

„Ich glaube ich verstehe, was du mir sagen willst. Nur hast du bisher nie gesagt, was genau es ist, dass dich das alles wahrnehmen und denken lässt. Du hast mir keinen Anhaltspunkt gegeben.“

„Weil ich keinen habe, schätze ich. Ich kann dir nicht mal genau sagen was es ist, das mich umtreibt. Das mich des nachts aufschrecken lässt, aufwachen aus Träumen ohne Licht und Sinn, hochfahren in etwas, das sich nur kaumst unterscheidet darin.“

Lange schwieg er, um schließlich anzuheben, „Was machst du, wenn du nicht mehr du selbst bist? Wenn du dich so lange versuchtest zu finden, in dir, in der Welt, in anderer Leute Blicken, dass du nicht mehr weißt, wer du bist? Wie wirst du nicht verrückt?“

Er hatte seit langem nichts anderes mehr verspürt als Schmerz. Und Verwirrung, auch die war geblieben. Das Glück, das er noch empfand, schien ihm so oberflächlich, so aufgetragen wie ein Lack, das man über alles strich, um es vor Gezeiten und dem Schimmel zu bewahren, der sich über alles legte, wartete man nur zu lang.

Er hatte das Band zur Wirklichkeit verloren. Zur Echten Welt, zu seinem Selbst. Zu seiner Position innerhalb der Realität. Es kam ihm vor, als würde er an der Koordinatenlosigkeit zu Grunde gehen, in seinen melodramatischeren Momenten. Als wurde ihm der Bezugspunkt fehlen. Wie er sich vor einer Weile noch an die Echtheit der Welt klammern konnte, war ihm nun fremd. Driftend zwischen den Gedanken, die nur ihn selbst betrafen. Unaufgefangen von seinen sonstigen Rettungsnetzen, auch Drogen konnten nicht mehr helfen, zu weit entfernt war er nun davon. Selbst wenn er es nicht vermisste, fehlte ihm doch die Umarmung, die ihn aus der Schlinge der Spiralen ziehen konnte. Und nun ging nichts, wohin er ging.

Er atmete tief durch. „Nun, die Sonne wird morgen aufgehen. Und heute ist ein Tag an dem ich die Sterne sehe. An welchem ich weiß, der Mond hört mir zu, egal wie leise ich rede oder rufe. Egal, wie laut ich fluche. Auf mich, oder über irgendwen sonst. Die meisten Nächte herrscht um mich Nebel und ich torkle umher, ohne das Ende zu sehen. Das Ende der Gedanken, die mich in die Nacht hinaus zogen, das Ende des Glases das mich einsaugen sollte.“

Er warf die Flasche Whiskey, eben noch in seiner Hand, gefolgt von einem lauten Splittern, von sich. Dann stand er auf, gestrafft, zigarettenrauchumhüllt in der Gasse der Stadt, bevor seine Schritte sich zwischen den Hauswänden verloren.

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delete later first draft german Kurzgeschichte Text unfertig

Flughafengeschichte

Siegfried Weber saß bei seinem dritten Becher in der großen Halle des Flughafens, als sich die Frau zu ihm setzte. Er hatte gerade seine Zeitung beiseite gelegt, die er stets mit sich trug. Die Ausgabe war bereits 2 Monate alt, und er würde jedes Wort auswendig können, hätte er sie je ganz gelesen. Für ihn war sie mehr wie Theatergegenstand, ein Prop, das er mitbrachte, um die Menschen um ihn herum nicht zu verunsichern. An paranoideren Tagen dachte er, er würde auch der Polizei nicht auffallen, wenn er so täte als lese er sie, oder wenn er sich jeden Tag auf einen anderen Platz im Terminal setzte. Ob das der Wahrheit entsprach wusste er nicht, und zumindest die Flughafenangestellten schienen eine Weile lang besorgt zu sein, glaubte er. In seiner zweiten Woche am Flughafen hatten sie sich schließlich an ihn gewöhnt.

Er war wegsortiert worden, gehörte nun ganz selbstverständlich zur Einrichtung des Hauses, man bedachte ihn mit einem Nicken. Herr Weber jedoch kam hierher, um seiner eigenen Sortiererei zu entgehen. Er pflegte eine neue Routine, um seine Alte hinter sich zu lassen.
„Ergebnisse des großen Autotests 2018“, sagte eine Frauenstimme abrupt und ließ Herrn Weber zusammenschrecken. Er drehte sich um, während die Runzeln in seiner Haut an ihnen unbekannten Stellen furchten. Ein schelmisches Grinsen begegnete ihm über dem Rand der alten Tageszeitung, ein interessiertes Funkeln in darüberliegenden Augen.

Herr Weber grummelte etwas selbst ihm unverständliches. So etwas war ihm hier noch nie passiert, in der ganzen Zeit nicht in der er hierhergekommen war. Unerhört, ungepflogen, abgefahren, abgehoben.
„Ich hab sie beobachtet, wissen Sie. Von da drüben.“, sagte seine neue Sitznachbarin und deutete mit dem Kopf über ihre Schulter zu der Buchhandlung mit vielen Postkartenständern. „Arbeiten Sie für die Polizei?“
Verdattert kratzte sich Herr Weber am Kopf. Wie kam sie denn darauf?
„Wie kommen Sie den darauf“, fragte er.
„Sie haben kein einziges Mal auf ihre Zeitung geschaut, obwohl Sie sie ständig vors Gesicht halten. Außerdem sollten Sie sich eine neue Ausgabe besorgen, die Überschrift ist ziemlich groß. Wenn ichs mir überlege, dann sind Sie wohl doch kein Polizist.“
Ärgerlich betrachtete er das unverschämte Mädchen. Keine Uniform, kein Koffer. Nichts Aufschlussgebendes.
„Was interessiert Sie denn das überhaupt.“

[…]

Das ungleiche Paar betrachtete sich über die dampfende Krone zweier Becher deren Inhalt sehr nach Kaffee aussah, auch wenn sich Herr Weber erst sicher sein konnte, wenn er sich daran die Zunge verbrannt hatte. Sie rührte mir ihrem Stäbchen in dem Gebräu und schaute nicht hin.
„Ich komme hierher“, sagte er und räusperte sich, um seine Stimme, die wie die Brötchen in der Auslage hinter ihnen belegt war, freizumachen, „weil ich den Leuten gerne dabei zusehe, wie sie mit den Dingen abschließen.“
Sie sah ihn fragend an, und rührte weiter als er fortführte.
„Nun, ob es eine Familie ist die grade auswandert, oder ein junger Mann der mit seinem Leben abschließt weil er Flugangst hat, ist mir eigentlich ganz egal.“
„Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Oder mit Ihnen?“
Verlegen nahm Herr Weber einen Schluck. Es war Kaffee.
„Ich habe es nie fertig gebracht mit irgendetwas abzuschließen. Ich will ständig alte Gespräche in meinem Kopf fortführen, und versuche auch so immer das letzte Wort zu haben. Ich will nicht der sein, wegen dem eine Unterhaltung stirbt.“
„Wieso denn das?“
„Ist eine gute Frage. Ist wie ein Zwang, schätze ich. Vielleicht, weil ich das Gefühl haben will, alles gegeben zu haben? So genau hab ich darüber nicht nachgedacht.“

Die Frau betrachtete eine Weile ein paar Fluggäste, die in der Nähe standen und sich angeregt über irgendetwas für sie sehr wichtiges unterhalten mochten. Nach einer Weile wandte sie sich um.
„Vielleicht weil ich, wenn etwas zu Ende ist, nichts mehr verändern kann. Ich habe keinen Einfluss mehr darauf, und wenn ich dann hinterher feststellte, dass es die falsche Entscheidung war? Dann kann ich es nicht mehr rückgängig machen.“
„Und darum machen Sie dann gar nichts? Das ist doch bescheuert. Damit geben Sie doch nur den wenigen Einfluss auf die Dinge auf, den sie ohnehin haben. Dann entscheidet einfach jemand anders, oder die Zeit.“
„Meinen Sie das?“
„Ja, das denke ich wirklich. Falsche Entscheidungen gehören dazu, und selbst wenn eine Sache nicht beendet ist, heißt das ja nicht, dass man sie trotzdem noch verändern kann. Genauso wenig, wie man bereits abgeschlossenes nicht vielleicht doch noch mal ändert. Sie denken da viel zu kategorisch und absolut.“

[…]

Als Herr Weber schließlich aufstand, war die Frau bereits lange gegangen. Einen ehemaligen Freund von ihr nach Jahren wieder besuchen, irgendwo im Süden. Ihre Worte jedoch waren geblieben, während er langsam die Zeitung mit den Testartikeln der SUVs in seine Tasche packte, und aus der Halle des Flughafens heraustrat. Die gerade hereinbrechende Nacht war kühl und klar, als er den Zebrastreifen zu der Insel für die Busse überquerte und dann über sie hinausschritt.
Ihre Worte hallten so laut in seinem Kopf nach, dass sie nur von dem ohrenbetäubenden Scheppern übertüncht wurden, als Siegfried Weber ohne sich noch einmal umzuschauen die Businsel verließ, auf die Schnellstraße trat und von einem Auto erfasst wurde. Der Testsieger des Jahres 2018.

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Asterisken

Wenn man sich ein paar Monate zurückgezogen hat, lernt man sich richtig kennen. Zumindest dachte ich das. Man setzt sich auseinander warum und wie man denkt, man hat Zeit sich zu beobachten, zu erkennen, zu lernen. Ich habe leider nicht mitbedacht, dass man sich währenddessen auch verändert. Wenn man sich denn wirklich die Zeit nimmt, in sich zu lauschen und stattdessen nicht lieber doch die 3. Folge der 7. Staffel Scrubs zum 5. Mal ansieht. Nicht lacht über einen Witz, den man schon beinahe auswendig mitsprechen kann, gelernt durch Wiederholung und mystifizierung durch scherzen auf dem Schulhof vor zu vielen Jahren.

Kurz gesagt, wenn in dieser modernen Welt nicht all diese Ablenkung wäre, dann würde ich mich wirklich kennen. Denke ich, und weise die Verantwortung von mir, wie jemanden der mich nach der Richtung fragt.

Wenn man mich nach meiner eigenen Richtung fragt, kann ich nur mit den Schultern zucken. Ich habe zulange auf meine Füße geblickt, um zu verstehen wohin ich gehe. Ich habe zu lange gedacht, ich hörte auf mich selbst, um die Veränderung zu sehen und zu ungenau hingeschaut, um Wahrheiten zu erkennen.

Vielleicht weiß ich ein wenig mehr, wie ich wirklich bin, als die meisten Menschen, die man täglich grüßt, vielleicht auch nicht, ich hab sie nie gefragt. Jedenfalls nicht so oft und so oberflächlich wie mich.

Es gibt oft Szenen in meinem Leben, in denen ich anderen Ratschläge gebe, die eigentlich mir mindestens ebenso galten, derer man sich allerdings nur über die Distanz bewusst würde, wenn man darin geübt wäre sie herzustellen.

Früher schrieb ich mal in mein schwarzes Heft, das ich damals stets mit mir herumtrug, das Leben sei ein Treppenwitz. Heute wundere ich mich, wie recht ich damals hatte und widerlege in dieser Hinsicht meine Aussage schon einmal in einem speziellen Falle.

In der Regel aber erschließen sich einem die klügsten Reaktionen auf den alltäglichen Hürdenlauf erst hinterher und ehe man sich es versieht läuft man im Kopf vergangene Situationen durch, denen man noch etwas hinzufügen möchte.

Ich laufe Asterisken an Dinge klebend durch mein Leben, und ich möchte diese Angewohnheit gerne loswerden. Anfangen aufzuhören, beginnen abzuschließen mit den Dingen.